Guild Wars 2 - Das MMO ohne FOMO

Ich war in den Elon-Flusslanden unterwegs, dieser staubtrockenen Wüstenmap, und spielte in Ruhe ein Stück der Story, als plötzlich erst ein Dutzend, dann zwei Dutzend und am Ende über sechzig andere Spielende an mir vorbeizogen. Das örtliche Meta-Event war angelaufen, und ohne dass mich irgendwer gefragt oder per Tool in eine Gruppe gesteckt hätte, lief ich einfach mit. Kein "Suche noch 3 DPS", keine Verabredung, kein Druck. Man läuft mit oder man lässt es. Dieser eine Moment fasst ganz gut zusammen, warum ich Guild Wars 2 seit Jahren nicht mehr loswerde.

Was mich hält, ist nämlich nicht die eine spektakuläre Sache, sondern eine Haltung, die das komplette Spiel durchzieht:

Guild Wars 2 wertschätzt meine Zeit und drängt sich mir nicht auf

Es gibt kein Abo. Ich kaufe das Spiel einmal und entscheide dann selbst, wann und wie viel ich spiele. Vor allem aber versucht es nicht, mich mit täglichen Pflichtaufgaben und künstlicher Verknappung bei der Stange zu halten. Ich kenne genug Spiele, die einem ein schlechtes Gewissen machen, wenn man einen Tag aussetzt. GW2 gehört nicht dazu, und das ist nach all der Zeit immer noch das Erste, was ich Leuten erzähle.

Diese Freiheit hat zwei Seiten, die ineinandergreifen. Die eine ist die durchlässige Welt, von der mein Wüsten-Moment oben handelt. Ihr seid solo unterwegs, und im nächsten Augenblick steckt ihr in einem Event mit sechzig Fremden, ohne dafür irgendetwas tun zu müssen. Das ist kein neuer Trick, den ich erst spät entdeckt hätte: Schon ganz am Anfang, beim Hochleveln im Königintal, bin ich einfach neugierig einem Strom höherstufiger Spieler hinterhergelaufen, die aus allen Richtungen in den Sumpf strömten, mitten hinein in den Kampf gegen den Schatten-Behemoth, einen dieser Weltenbosse. Vom Frischling bis zum Veteranen dasselbe Versprechen: Du musst dich nicht verabreden, die Welt bringt die Leute von selbst zusammen.

Die andere Seite ist die horizontale Progression, und die ist für ein Spiel, das man über Jahre immer wieder anfasst, Gold wert. In vielen MMOs ist eure Ausrüstung nach zwei Monaten Pause praktisch Schrott, weil die nächste Erweiterung das Itemlevel einfach weiter nach oben geschoben hat. In GW2 ist die beste Ausrüstungsstufe seit Ewigkeiten dieselbe. Ich kann ein halbes Jahr wegbleiben, wiederkommen und einfach weiterspielen, statt erst wieder Gear zu farmen, nur um überhaupt mitzuhalten. Das nimmt dem Wiedereinstieg jede Hürde, und genau deshalb komme ich überhaupt immer wieder.

Ohne diesen ewigen Ausrüstungs-Wettlauf sucht sich ohnehin jeder seine eigenen Ziele. Ob es Jumping-Puzzles oder das meistern des wohl besten Mount-Systems ist mit seinem auf Momentum ausgelegten Bewegungssystems ist. Für manche ist es aber auch die Optik des eigenen Charakters. Nicht umsonst geht in der Community der halb spöttische, halb liebevolle Spruch um, das wahre Endgame von Guild Wars 2 seien die "Fashion Wars". Über das Garderoben-System stellt ihr eure Rüstung optisch frei zusammen und es gibt genug Leute, die merklich mehr Zeit in das perfekte Outfit stecken als in den nächsten Bosskampf.

Hauptinterface für Fashion Wars

Am deutlichsten wird diese entspannte Haltung aber bei den Leuten. Ich bin irgendwann über das "Suche Gruppe"-Tool bei einem Raidboss mitgegangen, einfach um den mal auszuprobieren, und wurde prompt gefragt, ob ich nicht am nächsten Tag noch mal vorbeischauen und "etwas" ausprobieren wolle. Tja. Dieses "etwas" war das Challenge-Mode-Training an Dhuum, einem der fordernderen Raidbosse. Wir haben an den Abenden auch andere Sachen gemacht, aber Dhuum stand jedes Mal mit auf dem Plan, Abend für Abend, bis wir ihn irgendwann tatsächlich gelegt haben. Gemeinsam. Diese Gruppe gibt es bis heute, und das Schöne ist, wie locker das geblieben ist: Niemand führt Anwesenheitslisten, man macht mit, wenn es passt, und wenn nicht, sucht sich der Rest eben ein paar Randoms dazu. Selbst der vermeintlich harte, organisierte Content drängt sich hier nicht auf, und die Community ist dabei eine der freundlichsten, die ich im Genre erlebt habe.

Dass sich diese Community vieles ganz unter sich ausmacht, sieht man auch eine Nummer größer, in Welt gegen Welt, kurz WvW, und das macht Guild Wars 2 noch einmal ziemlich einzigartig. Drei Gruppierungen treten auf riesigen Karten gegeneinander an und kämpfen mit Belagerungswaffen um Festungen, Türme und Versorgungslager. Pro Seite ziehen dabei schon mal mehrere Squads zu je 50 Leuten gleichzeitig über dieselbe Karte und wenn zwei solche Pulks aufeinandertreffen, kann es für eine Seite auch ganz schnell vorbei sein. Vieles davon ist gar nicht offiziell durch Gruppen-Systeme geregelt, sondern hat sich von Region zu Region etwas anders eingespielt: In manchen treffen sich die Squads zum Beispiel Sonntagvormittags, und ihr findet schnell einen Kommandeur, in dessen Squad ihr einfach mitlaufen könnt. Belohnt werdet ihr mit Ressourcen, die ihr braucht, um euch zum Beispiel den Warbringer zu bauen, ein legendäres Rückenteil. Daneben gibt es noch klassisches PvP, aber dazu kann ich wenig sagen, das spiele ich nur selten.

Was bei mir außerdem jedes Jahr fest im Kalender steht, sind die Festtags-Events. Halloween und der Wintertag sind meine Favoriten, und das, obwohl sie sich seit Jahren kaum verändern. Aber genau das ist der Punkt: Sie müssen es gar nicht. Es ist eher wie ein liebgewonnenes Ritual, zu dem man gerne zurückkehrt, statt einer FOMO-Maschine, die jedes Jahr mit neuem Pflichtprogramm um die Ecke kommt. Ich schaue vorbei, weil es mir Spaß macht, nicht weil ich sonst etwas verpasse.

Bei aller Begeisterung will ich aber nicht so tun, als wäre alles perfekt. Zwei Dinge stören mich. Das eine ist der Gem-Shop. Klar, kein Abo heißt, dass das Spiel sein Geld irgendwo anders verdienen muss, und vieles im Shop ist reine Kosmetik, die mir niemand aufzwingt. Aber gerade wer intensiver spielt, kommt um ein paar Anschaffungen kaum herum: mehr Taschen-, Bank- und Materiallagerplatz etwa, oder die unendlichen Sammelwerkzeuge, auf die man nach einer Weile nur noch ungern verzichtet. Am Geldausgeben führt da kein Weg vorbei, und das ist schon eine künstliche Verknappung. Für mich war es am Ende okay, nachdem ich in das eine oder andere Angebots-Paket investiert hatte, denn danach hatte ich ungefähr so viel Platz, wie andere Spiele einem von vornherein zugestehen. Schön finde ich es trotzdem nicht. Das andere ist die Art, wie die Story gerade in den späteren Erweiterungen erzählt wird, jedenfalls was die Spielmechanik drumherum angeht. Viel zu oft läuft es auf ein "Hilf erst deinen Verbündeten, dann geht es weiter" hinaus, also auf eine Hand voll Events in der Umgebung, bevor die eigentliche Geschichte weitergeht. Das fühlt sich nach Streckung an und bremst den Erzählfluss. Schade, denn die Story selbst ist immer wieder richtig gut, sie wird nur von diesem schematischen Drumherum ausgebremst.

Unterm Strich ist Guild Wars 2 für mich genau das MMO für Leute, die eines gerade nicht wollen: ein zweites Hobby, das ständig nach Aufmerksamkeit verlangt. Wenn ihr ein Spiel sucht, das euch jederzeit wieder reinlässt, euch nicht für eine Pause bestraft und euch selbst entscheiden lässt, ob ihr solo die Welt erkundet oder mit sechzig Leuten einen Bosskampf stemmt, dann ist es schwer zu schlagen. Wer dagegen den klassischen MMO-Sog mit täglichem Pflichtprogramm und einem ständig anhaltenden Ausrüstungs-Grind sucht, wird hier eher fremdeln.

Das Beste zum Schluss: Ausprobieren kostet nichts. Das Grundspiel ist kostenlos spielbar, sodass ihr euch in aller Ruhe selbst ein Bild machen könnt, bevor ihr auch nur einen Cent ausgebt. Die Erweiterungen kauft ihr dann einzeln dazu, ganz ohne Abo, unter anderem direkt über Steam oder als Standalone-Version direkt bei ArenaNet.